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Noah Isenberg (Hg.): Weimar Cinema. An Essential Guide to the Classic Films of the Era. New York: Columbia University Press 2009, 376 Seiten, Abb.
ISBN 978-0-231-13055-4, $ 27,50
 
Wissenschaftlich gesehen, verspricht der von Noah Isenberg herausgegebene Sammelband Weimar Cinema wenig, was man eigentlich als neu bezeichnen kann. Für den Filmunterricht stellt er dennoch eine bedeutende Leistung dar, weil er 16 anspruchsvolle Aufsätze über ebenso viele Schlüsselfilme in einem einzelnen Band zur Verfügung stellt. Die Aufsätze stammen zum größten Teil von einschlägig bekannten Forschern und spiegeln eine Vielzahl methodischer und thematischer Zugänge wider. Sie verlassen die von Siegfried Kracauer und Lotte Eisner eingeschlagene Richtung, die im einen Fall in die Zukunft wies, auf Hitler, und im anderen Fall zurück, auf das Erbe der Romantik. Stattdessen konzentriert sich der Blick nun auf die Historisierung der Weimarer Republik und ihre Bedeutung als eine Epoche, die vom Konflikt zwischen einer etablierten, auch national ausgerichteten Hochkultur und einer modernen, bisweilen modernistischen, international ausgerichteten Massen- und Unterhaltungskultur geprägt wurde. Neben den Stilmerkmalen von Regisseuren und Schauspielern geht es in den Aufsätzen um die Produktionsbedingungen, den technischen Fortschritt, die zeitgenössische wie auch die spätere Rezeption ausgewählter Filme und die Position der Kinos in der Moderne.
 
Nicht nur die Namen der behandelten Filme, sondern auch die der Beiträger (sowie ihre Hauptthesen) sind weithin bekannt: Thomas Elsaesser schreibt über NOSFERATU (1922), Tom Gunning über DR. MABUSE, DER SPIELER (1922), Sabine Hake über DER LETZTE MANN (1924), Anton Kaes über METROPOLIS (1927), Nora Alter über BERLIN, DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927), Lutz Koepnick über MENSCHEN AM SONNTAG (1930), Patrice Petro über DER BLAUE ENGEL (1930), Richard McCormick über MÄDCHEN IN UNIFORM (1931) und Marc Silberman über KUHLE WAMPE (1932). Viele dieser Aufsätze basieren auf bereits publizierten Ergebnissen, die hier noch einmal kurz und präzise zusammengefasst werden; das gilt auch für die Beiträge von Isenberg über DER GOLEM (1920), Stefan Andriopoulos über DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1920) und Todd Herzog über M (1931). Zusätzlich enthält der Band einen Aufsatz von Sara F. Hall über die Zensur von DIE FREUDLOSE GASSE (1925), eine psychoanalytische Lektüre von DIE BÜCHSE DER PANDORA (1929) von Margaret McCarthy (die damit den am stärksten an Theoriefragen orientierten Text beisteuert) sowie Mark Erlins sehr gelungene Analyse von FAUST (1926), die genauer auf dessen literarische Herkunft eingeht, ohne die filmischen Qualitäten aus dem Auge zu verlieren.
Die Auswahl der untersuchten Filme ist konservativ und beschränkt sich ganz pragmatisch auf jene sehr bekannten Titel, die häufig im universitären Unterricht vorkommen und in Amerika auf DVD verfügbar sind. Mit Ausnahme des avantgardistischen BERLIN-Films sind deshalb auch nur Spielfilme vertreten. Die jüngeren, zumeist deutschsprachigen Forschungen zum weniger bekannten populären Kino wurden bei der Auswahl ebenso wenig berücksichtigt wie die filmhistorischen Wiederentdeckungen, die in letzter Zeit beispielsweise bei Kino International und in der Edition Filmmuseum (oft mit englischen Untertiteln) auf DVD herauskamen. Beim kritischen Blick auf die Filmauswahl stellt sich gleichwohl die Frage: Wo ist Lubitsch, wo ist ein Vertreter der Komödie? Vor seiner Auswanderung nach Amerika im Jahr 1922 war Lubitsch verantwortlich für einige der einflussreichsten und innovativsten Filme aus Deutschland, und dennoch wird sein Werk in diesem Band nicht diskutiert. Im Vergleich dazu könnten jeweils drei Kapitel über Murnau- und Lang-Filme sowie zwei Kapitel über Filme von G.W. Pabst etwas reichlich erscheinen, selbst wenn diese Kapitel für sich genommen facettenreich und interessant sind. Es bleibt der klare Akzent auf „ernsten“ Filmen und Werken großer Regisseure. Eine dezidierte Vorliebe für die Auteur-Perspektive leitet sich daraus aber nicht ab. Sie spielt in den Aufsätzen nur eine untergeordnete Rolle. Mit dem Fokus auf kulturgeschichtlich angelegte Fallstudien geht hier allerdings allgemein eine gewisse Vernachlässigung filmpolitischer, kino- und technikgeschichtlicher und ökonomischer Faktoren einher.
 
Die Filmauswahl birgt aber auch eine schöne Überraschung: Christian Rogowski stellt mit Joe Mays DAS INDISCHE GRABMAL (1921) einen vergleichsweise wenig bekannten Genrefilm vor, der eigentlich nicht ganz zu Isenbergs Auswahlkriterien passt. Die Hereinnahme dieses Films entspricht dem im Sammelband nur zaghaft berücksichtigten Trend, die Grenzen eines enggefassten Kanons zu verschieben bzw. zu überwinden. Zwar wird anerkannt, dass das Kino zur Massenkultur gehört, doch kommt das selten so direkt zum Ausdruck wie in Rogowskis Aufsatz, der sich nicht scheut, den Film als internationale Handelsware zu betrachten – und nicht nur als Kunstwerk oder kulturelles Symptom. Dass das populäre Genrekino ernst genommen werden muss, ist heutzutage kaum umstritten. Wichtig ist an diesem Aufsatz deshalb nicht so sehr das Ergebnis der Analyse, sondern die Tatsache, dass er zu diesem Thema und zu diesem Film überhaupt in der vorliegenden Sammlung erscheint, denn sie wird wohl in den kommenden Jahren die Filmauswahl in Kursen zum Weimarer Kino im englischsprachigen Raum mitbestimmen. Rogowski hat dafür gesorgt, dass diese Auswahl nicht ganz die gleiche ist wie vor 30 Jahren.
 
Nützlich wäre eine ausführliche Gesamtbibliografie und eine Liste der verfügbaren DVDs gewesen; Isenberg verspricht letztere in der Einleitung, aber sie fehlt. Davon abgesehen vermittelt Weimar Cinema einen kompetenten Einblick (und eben keinen weiter gefassten Überblick) in die spannendste Epoche der deutschen Filmgeschichte und in die reichhaltige Forschung über diese Epoche. Den aktuellen Stand der hier (mit Ausnahme von Elsaesser) amerikanischen Forschung und Theoriedebatte sowie wesentliche Grundlagenkenntnisse bündelt diese Sammlung von Fallstudien zu kanonisierten Filmen auf kompakte und überzeugende Art. Trotz gewisser Einschränkungen eignet sich der Band als Einstieg ins Weimarer Kino und ist speziell Studenten und Dozenten sehr zu empfehlen. (Joel Westerdale)
 
 
 
Joel Westerdale ist Assistant Professor für German Studies am Smith College in Northampton, Massachusetts (USA). Er wurde an der Harvard University mit einer Arbeit über Friedrich Nietzsche promoviert und untersucht gegenwärtig als Humboldt-Stipendiat in Berlin die Rolle des Bösen in der Kanonbildung des frühen Weimarer Kinos. Zuletzt erschien von ihm „The Musical Promise of Abstract Film“. In: Christian Rogowski (Hg.): The Many Faces of Weimar Cinema (Rochester, New York 2010).
 
 
Filmblatt 43 – Besprechungen online
Veröffentlicht am 3.11.2010
Redaktion: Ralf Forster, Michael Grisko, Philipp Stiasny, Michael Wedel
URL: http://www.filmblatt.de/index.php?aid=412
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