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Gute Kopien. Restaurierungen und Editionen (8)

von Jeanpaul Goergen

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DR. MABUSE, DER SPIELER. TEIL 1: DER GROßE SPIELER – EIN BILD DER ZEIT. TEIL 2: INFERNO, EIN SPIEL VON MENSCHEN UNSERER ZEIT

Kopie des Staatlichen Filmarchivs der DDR
Zum Film: Keine Informationen vorhanden.
Literatur: Informationsblätter Camera 23 (1962) und Film-Blätter 24 (1965)

Bearbeitung Erwin Leiser, 1964. Von Fritz Lang autorisierte Tonfilm-Bearbeitung von Erwin Leiser für die Atlas-Filmverleih GmbH in Duisburg. „Das Negativ-Material zu dem Filmen DR. MABUSE, DER SPIELER I und II wurde uns dankenswerterweise zur Verfügung gestellt vom ‚Staatlichen Filmarchiv der DDR’.“1 Die Musik stammt von Konrad Elfers. Im Vergleich zu den Restaurierungen 1.1989/91 und 2.2000 fehlen Sequenzen, andere sind gekürzt. Dennoch eine sehr wichtige Fassung, da von Fritz Lang autorisiert.
Fsk-Prüfung: Nr. 32600, 25.8.1964, 2794 m (= 102’ bei 24 B/S), ab 12 Jahre, feiertagsfrei (Teil I) / Nr. 32669, 2533 m (= 93’ bei 24 B/S), ab 12 Jahre, nicht feiertagsfrei (Teil II)
Besonderheit: Zum ersten Teil wurde – als gefilmtes Vorwort – ein von der Atlas Film GmbH und der Universum Film GmbH produziertes Interview von Erwin Leiser mit Fritz Lang gezeigt. Credits: „Atlas Film zeigt / Fritz Lang „Mabuse“ 1964“ (35mm, 117 m = ca. 4’). Der Wortlaut des Interviews ist im Atlas Filmheft Nr. 38 dokumentiert.
Rezeption: „Dieser Film in zwei Teilen [...] ist wirklich eine Rarität, denn er war [...] in Deutschland bisher praktisch noch nie gesehen worden. [...] Hier muß man besonders die neu für den Film komponierte Musik erwähnen, deren Herkunft das [Atlas-]Programmheft leider verschweigt [...]: eine Art verfremdeter und stilisierter Dreigroschenopermusik, deren Effekt [...] es ist, die einzelnen Szenen ins Irreale zu kehren, ihnen das melodramatische, reißerische Element zu nehmen, und sie mehr als malerisch-expressive, für sich bestehende Bildkompositionen erscheinen zu lassen. So wird also durch die Musik ein neuer Zugang eröffnet, der die unbestreitbaren formalen Reize in den alten Lang-Filmen wieder zum Vorschein bringt. Die Sentimentalitäten und ärgerlichen Klischees, die Handlung und Personenzeichnung enthalten, wirken so nur noch als Randerscheinungen.“2
Fernsehsendung: 18.5. (1.Teil) und 1.6.1966 (2. Teil), HR III.
Literatur: Briefwechsel Erwin Leiser - Fritz Lang 1964. In: Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen, Cornelius Schnauber (Hg.): Fritz Lang. Leben und Werk. Bilder und Dokumente. Berlin: jovis 2001, S. 487-490.

Restaurierung 1.1989/91: Filmmuseum München

Kurzbericht: „Die vom Filmmuseum München durchgeführte Restaurierung ist eine Synthese aus zwei Fassungen. Bei der Fassung A handelt es sich wahrscheinlich um jene, die bei den ersten Aufführungen des Films in Deutschland gezeigt wurde. Sie liegt in einer Kopie vor, die bei Gosfilmofond in Moskau aufbewahrt wird. Die Fassung B, die weltweit vertrieben wurde – Erwin Leiser hat sie in den 60er Jahren vertont – ist durch eine Kopie belegt, die im Staatlichen Filmarchiv der DDR wiedergefunden wurde. Beide Fassungen, denen zwei verschiedene Negative entsprechen, enthalten unterschiedliche Einstellungen und Montagen. Die Zwischentitel der Fassung B sind nur als Blitztitel erhalten, während die Fassung A die ursprünglichen Zwischentitel enthält: in voller Länge, mit Trickaufnahmen (Animation, Näherkommen, sich umdrehende Seiten, Überblendungen), wie sie sich auch in anderen Filmen von Fritz Lang (METROPOLIS, SPIONE, DIE FRAU IM MOND) finden. Die Restaurierung benutzt wegen ihrer überlegenen Bildqualität die Fassung B und ergänzt sie mit gewissen „gelungeneren“ Szenen sowie den Originalzwischentiteln der Fassung A.“3
Kopie Filmmuseum München: 35mm, s/w, Teil 1: 3479 m, Teil 2: 2557 m4
(Erst?)Aufführung: 22.11.1989, Il cinema ritrovato, Bologna (Reihe „Il cinema muto di Fritz Lang“), L: 240’
Weitere wichtige Aufführungen: 1. Teil: 31.3.1991 (Köln, Philharmonie, im Rahmen von Musikkino; Musik: Michael Obst); 1. und 2. Teil: 28.-30.10.1993 (Paris, Festival CinéMémoire; Musik: Michael Obst)
2. Fsk-Prüfung als Stummfilm: 7.2.1995, 3488 m (Teil 1) / 9.2.1995, 2526 m (Teil 2), beide Teile ohne Altersbeschränkung, feiertagsfrei.
Fernsehsendung: 1. Teil: 7.8.1996, ARTE, 23.05 Uhr (171’); 2. Teil: 14.8.1996, ARTE, 23.10 Uhr (126’). Produktion ZDF in Zusammenarbeit mit ARTE. Redaktion: Christoph Drese, Gerd Luft. Live-Aufnahme während des Festivals CinéMémoire in der Cité de la Musique, Paris. „ARTE zeigt beide Teile ungekürzt und mit einer neuen Vertonung versehen von Michael Obst und dem Ensemble Intercontemporain.“5
Literatur: Enno Patalas: I film muti di Fritz Lang: Lo stato delle copie. In: Cinegrafie, Bologna, Nr. 2/1989, S. 71-75. – Musikkino. Köln 1991 [Programmheft], S. 12-18. – LE DOCTEUR MABUSE. In: Emmanuelle Toulet, Christian Belaygue: CinéMémoire. Paris: Cinémathèque française 1993, S. 12-17. – http://mediatheque.ircam.fr/articles/textes/Lelong93b/

Restaurierung 2.2000: Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin, Filmmuseum München und Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

Kurzbericht: „Die Rekonstruktion erfolgte auf der Grundlage zweier [für Teil 2: Original-]Kamera-Negative – eines der deutschen und eines der ausländischen Verleihfassung. Die Zwischentitel wurden, soweit vorhanden, den Negativen entnommen. Fehlende, fehlerhafte oder nicht verwendbare Titel wurden unter Zuhilfenahme der Zensurkarte ergänzt, korrigiert oder erneuert. [...] Die vorliegende Fassung folgt einer Kopie, die das Filmmuseum der Landeshauptstadt München aus den beiden genannten Negativen [für Teil 1: „und einer aus einer Kopie aus dem Filmarchiv Gosfilmofond, Moskau“] zusammengestellt hat.“ (Filmvorspann, 1. und 2. Teil)
Vergleichs- und Kopierarbeiten: L’Immagine Ritrovata, Bologna
Kopie: 35mm, s/w, 3.528,4 m = 154’45“ (Teil 1) und 2.612,2 m = 114’34“ (Teil 2), bei 20 B/S6
Anmerkung: Aufführung beider Teile im Rahmen der Fritz Lang-Retrospektive 2001, Internationale Filmfestspiele Berlin.

Video- und DVD-Editionen

- DR. MABUSE DER SPIELER. Atlas Video Auslese, Nr. 2123. VHS, o.J., L: 95’
Das Video bringt den 1. Teil von Erwin Leisers Bearbeitung von 1964. Vorspann: „Atlas Film zeigt: / im Rahmen von Erwin Leiser’s Programmreihe Der deutsche Film I. Die Zwanziger Jahre“. Als neu gesetzter Haupttitel: „DR. MABUSE, DER SPIELER. In der von Fritz Lang autorisierten Bearbeitung von Erwin Leiser.“ Es folgen dann die zeitgenössischen Credits, dazwischen, im gleichen Stil: „Neue Musikfassung: Konrad Elfers.“ Der Film läuft tatsächlich 98 Minuten. Die Differenz von vier Minuten zur fsk-Freigabe (102 Minuten) ist dem hier nicht aufgenommenen Fritz Lang-Interview geschuldet.

- DR. MABUSE: IL GRANDE GIOCATORE. VHS. Mondadori Video, Mailand 1991, L: 98’. ©1991, Prima Immagine, Mailand, Nr. MVM 08026
Vorspann: „Riduzione Cinematografica di Erwin Leiser / su autorizzazione di Fritz Lang“. 1. Teil von DR. MABUSE, DER SPIELER in der Leiser-Bearbeitung von 1964. Italienische Titel, Musik von Konrad Elfers, hier nicht genannt.

- DR. MABUSE. L’INFERNE DEL CRIMINE. VHS. Mondadori Video, Mailand 1991, L: 90’. ©1991, Prima Immagine, Mailand, Nr. MVM 08027
Vorspann: „Adattamento Erwin Leiser / come da Fritz Lang“. 2. Teil von DR. MABUSE, DER SPIELER in der Leiser-Bearbeitung von 1964. Italienische Titel, Musik von Konrad Elfers, hier nicht genannt.

- Fritz Lang’s DR. MABUSE, THE GAMBLER. Tartan Video 1993 und 1997. PAL TVT 1105, ca. 86’, engl. Zwischentitel
Zusammenschnitt der beiden Teile von DR. MABUSE, DER SPIELER mit englischen Titeln und einer orchestralen Begleitmusik; Komponist und Ausführende werden nicht genannt. Die nur 81 Minuten lange Kompilation hat folgenden Eingangstitel: „The Interstellar Film Co. / present / THE FATAL PASSIONS / A Ufa Decla-Bioscope Production / Directed by Fritz Lange (sic)“. Eingeblendet ist ein Copyright-Vermerk der Thunderbird Films von 1973; diese Firma mit Sitz in Los Angeles taucht mit ihrem Warenzeichen auch im Abspann auf. – Möglicherweise handelt es sich um die 1927 in den USA vertriebene Kurzfassung. Wann die Tonfassung entstand, ist nicht bekannt. Interessant als Studienmaterial und als Beispiel, wie ein überlanger deutscher Film auf einen knappen, temporeichen amerikanischen zurückgeschnitten wurde. Vollständige Akte, Handlungsstränge und Personen (ein Zwischentitel macht aus Gräfin Told eine Witwe; ihr Mann fiel bei Verdun) wurden gestrichen, andere Szenen verdichtet. Was würden wir aber für Eisensteins Bearbeitung von DR. MABUSE geben?

- DR. MABUSE. THE GAMBLER. A Film by Fritz Lang. Image Entertainment.
ID9418DS. 2 VHS-Set, NTSC, b/w, 229’. Release date: 28.8.2001
ID9412DSDVD. 2 DVD-Set, b/w, 229’. Ländercode 1. Release date: 28.8.2001
„This edition of DR. MABUSE, THE GAMBLER (Parts 1 ans 2) is produced by David Shepard and is digitally mastered at visually-correct speeds from an excellent 35mm full-frame fine grain master. English intertitels are newly-translated from the original German censor cards. Robert Israel arranged and conducts an outstanding orchestral score newly-recorded in digital stereo. On a seperate sound track, Lang scholar David Kalat provides an engrossing and information-packed running commentary to both parts.“ Auf dem DVD-Cover zudem noch der Hinweis, dass der Film aus der Blackhawk Film Collection stammt.
Die DVD-Präsentation, die hier rezensiert wird (die VHS bringt das gleiche Filmmaterial), ist spartanisch: Neben dem Audiokommentar enthält die Edition keine weiteren Extras, auch ein Booklet wird nicht mitgeliefert. Der Film ist windowboxed, so dass die gesamte Bildinformation (in einem schwarzen Rahmen) sichtbar ist. Die Kopie, über deren Herkunft und Weg nichts mitgeteilt wird, geht aber offenbar auf das gleiche Material zurück, das Leiser 1964 für seine Bearbeitung zur Verfügung stand.
Der kluge Kommentar von David Kalat situiert den Film im zeithistorischen Kontext, diskutiert die amerikanische Rezeption und macht auch auf fehlende Passagen der DVD – offenbar in Kenntnis der Restaurierung 1.1989/91 – aufmerksam. So fehlt nach der Börsen-Sequenz eine kurze Szene mit dem erstmaligen Auftritt von Dr. Mabuse in seinem Beruf als Psychiater. Auch die spätere Verfolgung durch Staatsanwalt Wenck im Hotel Excelsior ist gerafft. Als der mit Gas betäubte Wenck in einem schaukelnden Kahn erwacht, fehlt die Einstellung, in der er seine Taschen durchsucht und erkennt, dass sein unbekannter Gegenspieler über ihn Bescheid weiß. Diese Szenen fehlen auch in der Leiser-Bearbeitung von 1964. So erklärt sich auch der Hinweis am Schluss des 2. Teils dieser DVD: „Part One was slightly abridged by Erwin Leiser with the concurrence of Fritz Lang.“ Ob diese Kürzungen auf Leiser zurückgehen oder bereits im Ausgangsmaterial enthalten waren, wäre zu überprüfen.
Die Bildqualität ist erheblich schwächer als die der Transit Classic Edition [siehe unten]; es fehlt insbesondere an Kontrast und Schärfe. Die Länge der benutzten Kopie wird nicht angegeben. Auf der DVD läuft der 1. Teil 120, der 2. Teil 109 Minuten.
Vgl. http://207.136.67.23/film/DVDCompare2/drmabusegambler.htm

- Fritz Langs DR. MABUSE, DER SPIELER. 1. TEIL: DER GROßE SPIELER. EIN BILD DER ZEIT. 2. TEIL: INFERNO. EIN SPIEL VON MENSCHEN UNSERER ZEIT. Restaurierte Fassung mit neuer Musik. Transit Classics. Deluxe Edition, Nr. 9249. 2 DVD Set, Release date: 5.4.2004
Die Edition bringt erklärtermaßen die Restaurierung 2.2000, mit einer neuen Musik von Aljoscha Zimmermann.7 Das reichhaltige Bonus-Material umfasst neben Fotogalerien und Kurzbiografien ein Porträt des Schriftstellers und Autors der Romanvorlage Norbert Jacques und ein Interview mit dem Komponisten Aljoscha Zimmermann. Ein Feature von Hans Günther Pflaum über DIE METAMORPHOSEN DES DR. MABUSE platziert den Film in den zeitgenössischen Kontext: Mabuse sei „ein besonders überzeugender Beleg“ für Kracauers Thesen aus Von Caligari zu Hitler.
Leider geht der Text zur „Rekonstruktion und Restaurierung“ des Films im Booklet über die Angaben im Filmvorspann der Restaurierung 2.2000 nicht hinaus. Vermisst werden auch die Angaben zur Länge der restaurierten Fassung; auf der Box wird nur die Laufzeit der beiden Teile mit 155’ resp. 115’ bei 20 B/S angegeben. Eine digitale Bearbeitung hat wohl nicht stattgefunden. Dennoch ist die Bildqualität hervorragend; nur im 2. Teil gibt es weniger gut erhaltene Teile.
Schade, dass nicht auf die interessante Zulassungsgeschichte des 2. Teils von DR. MABUSE, DER SPIELER eingegangen wird. 1922 wurden zahlreiche Szenen der Schlusskämpfe um Mabuses Haus verboten. „Die Strassenkämpfe erinnern an erregte Zeiten, in denen solche Kämpfe, wenn auch aus anderen Motiven heraus, stattgefunden haben. Es ist in letzter Zeit in dieser Hinsicht eine Beruhigung in der Bevölkerung eingetreten. Wenn nun wieder derartige Kämpfe in allen Einzelheiten und dazu in sehr übertriebener Weise einem Massenpublikum vorgeführt werden, schaffen sie aufs neue die erregte Atmosphäre jener Zeit.“ (Prüfnummer 5827 der Film-Prüfstelle Berlin, 17.5.1922).
Einen Tag später kommt es zu einer zweiten Verhandlung vor der Film-Oberprüfstelle, bei der die Ufa die von ihr aus dem 6. Akt entfernten Bildfolgen vorführt. Verboten werden nun vor allem Aufnahmen getroffener Polizisten und Soldaten, auch der Tod des dicken Mannes [Hawasch] fällt der Zensur zum Opfer. Diese Szene ist aber in der vorliegenden Fassung zu sehen, ebenso der verbotene Titel „Friss Kokain, Schlappschwanz“, ferner die verbotene Bildfolge, „in der ein schiessender Mensch [Spoerri] von einer Frau zum Weiterfeuern angetrieben wird“. Enthalten nun auch wieder der verbotene Titel „Götz von Berlichingen“ und „die diesen Titel begleitende Darstellung insoweit, als der im Kerker befindliche Mann [Georg] die Worte ‚Götz von Berlichingen’ schreibt. Die daran anschließende Darstellung des Selbstmordes ist erlaubt.“ Natürlich war dies kein Freibrief, die Ausführung eines Selbstmordes detailliert darzustellen und so wird dieser auch nur kurz angedeutet.8
Bei den zensierten Spielszenen – Beispiel: „Nach Titel 10: Darstellung von 2 gefallenen Soldaten auf der Strasse (1,54 m lang)“ – ist es nachträglich kaum möglich zu entscheiden, welche verboten waren und welche nicht. Die Angaben der Oberprüfstelle sind aber präzise genug, um festzuhalten, dass zumindest einige der verbotenen Szenen und Zwischentitel in der vorliegenden Fassung vorkommen. Warum das so ist, wird leider nicht diskutiert.
Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass nicht gesagt wird, auf welches der beiden erhaltenen Negative – das für die deutsche oder ausländische Verleihfassung – sich die Rekonstruktion stützt bzw. ob beide Fassungen vermischt wurden. Letzteres legt der kurze Bericht zur Restaurierung 1.1989/91 nahe – ein Verfahren, das, ohne die Details zu kennen, schwer zu bewerten ist.
Festzuhalten ist aber, dass jetzt mit der Transit-DVD von DR. MABUSE, DER SPIELER eine Version vorliegt, die – was den letzten Akt des zweiten Teils angeht – mit einiger Sicherheit in Deutschland so nicht gelaufen ist.
Das Material, das Erwin Leiser für die Atlas-Edition von 1964 benutzt hat, entspricht wohl eher den zeitgenössischen Zensurauflagen. Zwar ist auch hier der verbotene Titel „Götz von Berlichingen“ enthalten, es sind aber deutlich weniger gefallene Polizisten und Soldaten zu sehen. Auch die anderen Schnittauflagen wurden eingehalten.
Die sehr knappen Restaurierungshinweise auf der Transit-DVD – sie folge der Kopie des Filmmuseum Münchens – erklären nicht, warum mindestens eine Sequenz so ganz anders gestaltet ist als in der Münchner Fassung, wie sie 1996 von ARTE gesendet wurde. Es handelt sich um den Autounfall zu Beginn des 1. Teils. Dr. Mabuse, als Börsianer verkleidet, verlässt sein Haus und gibt einem Bettler die zuvor markierten Geldscheine. Auf einer Straßenkreuzung kommt es zu einem fingierten Unfall, der Mabuse dazu dient, in das andere Fahrzeug mit der gestohlenen Aktentasche zu wechseln. Diese Szene ist auf der Transit-DVD nicht nur aus einem anderen Blickwinkel aufgenommen; sie ist auch zum Teil anders inszeniert und montiert. [Vgl. hierzu das Einstellungsprotokoll dieser Sequenz, Filmblatt 26, S. 53 ff.] Woher stammt diese Sequenz? Aus der Inlandsfassung oder der Exportversion? Aus einer weiteren, nicht angeführten Vorlage? Weicht die DVD noch an anderen Stellen von der Münchner Fassung ab? Dies zu überprüfen, übersteigt den Rahmen dieser Rubrik.
Bei DVD-Editionen muss der Filmwissenschaftler stets im Auge behalten, dass eine erheblich breitere Zielgruppe angesprochen werden soll und dementsprechend sowohl Booklet als auch Bonusmaterial konzipiert sind. Kommerzielle DVDs – auch wenn sie so hervorragend angelegt sind wie die Deluxe-Editionen der Transit – sind für den privaten Gebrauch, fürs Heimkino, bestimmt. Entsprechende Copyright-Vorbehalte verdeutlichen dies. Filmwissenschaftler, die mit diesen Editionen arbeiten, sollten sich diesen Heimkino-Charakter stets vergegenwärtigen, auch wenn sich die Schere zwischen „großem Kino“ und „Heimkino“ immer stärker schließt. Dabei entstehen kurioserweise immer mehr Varianten des gleichen Films. Georg Seeßlen reflektiert in seinem Essay „Das Verschwinden des Originals“9 die Folgen, die sich aus diesen überhand nehmenden Formen ergeben: „Wenn man sich heute über einen Film unterhält, muss man erst einmal klären, was man genau gesehen hat.“10
Tatsächlich war aber Film nie ein Unikat, den „polymorphen Film“, den Seeßlen aufscheinen sieht, hat es immer schon gegeben.

1 Atlas Filmheft Nr. 38. Der deutsche Film I: die zwanziger jahre. Atlas-retro-Programm von Erwin Leiser. Frankfurt am Main, undat. [1964], unpag.
2 Ulrich Gregor: Ein Prototyp der Zeit. In: Spandauer Volksblatt, 13.12.1964.
3 LE DOCTEUR MABUSE. In: Emmanuelle Toulet, Christian Belaygue: CinéMémoire. Paris:
Cinémathèque française 1993, S. 12-17, hier S. 12. Rückübersetzung aus dem Französischen: JpG.
4 Angaben lt. CinéMémoire 1993, S. 13.
5 Pressetext zur Sendung des 1. Teils am 7.8.1996. Dank an ARTE für die Übermittlung dieses Textes.
6 http://www.murnau-stiftung.de/
7 Insgesamt sind somit zu DR. MABUSE, DER SPIELER vier verschiedene Kompositionen und Musikstile – Konrad Elfers, Michael Obst, Robert Israel und Aljoscha Zimmermann – auf VHS und DVD verfügbar.
8 B 27.22. Film-Prüfstelle Berlin, 18.5.1922.
http://www.deutsches-filminstitut.de/dframe12.htm.
Die Zensurausschnitte in Länge von insgesamt 28,54 Meter sind auch auf der Zulassungskarte B 5827 ausgeführt, die im Bundesarchiv-Filmarchiv vorliegt.
9 In: epd Film, Nr. 8, 2004, S. 22-25.
10 Ebenda, S. 22.