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Wiederentdeckt 236

Ingrid Reschke-Retrospektive: Kennen Sie Urban? (DDR 1971, Ingrid Reschke)

Wegen Körperverletzung hat Hoffi geraume Zeit im Gefängnis verbracht. Anschließend lag der junge Berliner mit Gelbsucht monatelang abgeschottet in einem Krankenhaus, währenddessen sein Zimmergenosse, ein weitgereister, weltgewandter und charakterlich gefestigter Ingenieur namens Urban, großen Eindruck auf ihn ausübte. Nun versucht Hoffi, gemeinsam mit seinem deutlich unkomplizierter gestrickten Bruder, jenen Urban zu finden und zieht zu diesem Zweck von einer Großbaustelle der DDR zur nächsten. Bis ihn eine selbstbewusste junge Frau erobert.

 

Ingrid Reschkes vierter und letzter Film, zu dem sie das Drehbuch mit Ulrich Plenzdorf nach dessen Entwurf schrieb, ist eine Mischung aus Roadmovie und sozialistischer Coming-of-Age-Story. Wieder eine Geschichte, bei der es um die Erziehung und Läuterung mindestens einer Hauptfigur geht, was im fertigen Film ganz im Sinne der herrschenden Doktrin geschieht. Entsprechend viel Zuspruch erfuhr das Werk von offizieller Seite, derweil die Zuschauerzahlen eher überschaubar blieben. Letzteres lastete Ingrid Reschke der Spielplangestaltung des Verleihs und der Bezirksfilmdirektionen an und initiierte kurz vor ihrem Tod in den DDR-Medien eine Debatte über die ihrer Meinung nach stiefmütterliche Behandlung von DEFA-Filmen in den DDR-Kinos.

 

Ganz am Ende der Ulbricht-Ära entstanden, wurde Kennen Sie Urban? später im Kontext diverser damaliger DEFA-Produktionen betrachtet, die sich mit jungen Erwachsenen und deren Problemen beim Einfügen in die DDR-Gesellschaft beschäftigten: „Nach dem vor vielen Jahren entstandenen DEFA-Streifen Berlin Ecke Schönhauser ist Kennen Sie Urban? der erste DEFA-Film wieder, der sich erkennbar ambitioniert mit unmittelbar gesellschaftsbezogenen Jugendproblemen beschäftigt, und das in künstlerisch verdichteter, zugespitzter, überhöhter Fragestellung: Jugendliche suchen ein Vorbild und finden Vorbilder, sie suchen Urban und finden zu sich selbst.“ (Günter Sobe, Berliner Zeitung, 16.1.1971). Ingrid Reschke drehte damit zum ersten Mal einen Film, in dem kindliche Figuren keine wichtige Rolle spielten. Wie schon in Wir lassen uns scheiden achtete sie auf eine dem Scope-Format gerechte Bildgestaltung und Inszenierung, und wieder erhielt der Film heitere Elemente, ohne wirklich eine Komödie zu sein.

 

Einführung: Jan Gympel

 

Am Samstag, den 5. März 2016 um 18.30 Uhr im Zeughauskino